19340 - 1945 - Gymnasium

Die Besatzungszeit

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Aufmarsch in Hadersleben, anlässlich des "Geburtstags des Führers" 1940 Foto: Deutsches Museum Nordschleswig

Die deutsche Besetzung Dänemarks

Trotz der Neutralitätspolitik Dänemarks geriet das Land bald in die militärstrategischen Überlegungen der kriegsführenden Mächte. Zwar hatte Deutschland nach wie vor kein unmittelbares Interesse an einer Eroberung Dänemarks, auch nicht zum Zweck einer Wiederherstellung der Grenze von 1864-1919. Aber man fürchtete den Einfluss des britischen Kriegsgegners in Skandinavien, zumal die britische Marine der deutschen noch immer weit überlegen war. Um die Nordatlantikküste und die östliche Nordsee kontrollieren und vor allem den Zugang zu den nordschwedischen Eisenerzlagerstätten zu sichern, bereitete die deutsche Wehrmachtsführung unter dem Decknamen "Operation Weserübung" die Besetzung Dänemarks und Norwegens vor.

Deutsche Besatzungsgruppen am 09. April 1940 in Tondern Foto: Deutsches Museum Nordschleswig

Am 9.4.1940 überschritten deutsche Truppen die Grenze nach Dänemark. Die deutsche Führung begründete die Invasion gegenüber Dänemark und Norwegen mit dem angeblichen Schutz vor britisch-französischer Aggression und forderte dazu auf, keinen Widerstand zu leisten, zumal die Besetzung ausdrücklich nicht als feindseliger Akt verstanden werden sollte. Die dänische Regierung erkannte die Aussichtslosigkeit einer militärischen Verteidigung und gab den deutschen Forderungen unter Protest nach. Trotz des schnellen Befehls zur Einstellung des militärischen Widerstands war es jedoch in Nordschleswig zu einzelnen Kampfhandlungen gekommen, bei denen insgesamt 17 dänische Soldaten ihr Leben verloren hatten.

Die deutschen Nordschleswiger wurden von der Invasion überrascht. Viele begrüßten die Besatzer als Befreier, bejubelten und unterstützten den Vormarsch der deutschen Truppen. Die neue Hoffnung auf Revision der Staatsgrenze wurde jedoch erneut enttäuscht, denn die deutsche Führung versprach, die Integrität des dänischen Staates zu wahren und sich über notwendige militärische Belange hinaus nicht in die dänische Politik einzumischen. Tatsächlich wurde Dänemark nach wie vor als souveräner Staat behandelt, der Kontakt lief überwiegend über das Auswärtige Amt und die deutsche Gesandtschaft in Kopenhagen. Jens Møller und seine Parteigenossen wurden umgehend aus Berlin dazu aufgefordert, nach ihrem anfänglichen Jubel keine weiteren Aktionen - auch keine verbalen - zu starten, welche in Dänemark Misstrauen gegen die Besatzungsmacht schüren könnten.

 

Die deutschen Nordschleswiger und die Besatzungsmacht

Für die deutschen Nordschleswiger ergab sich eine besondere Situation: Sie waren nach wie vor dänischer Staatsbürger in einem dänischen Staat; doch dieser stand unter der Vorherrschaft des Landes, dessen Volksgemeinschaft man sich zugehörig fühlte. Die militärischen Erfolge weckten bei vielen Begeisterung, und einige Männer meldeten sich schon bald freiwillig für den Kriegsdienst; als ausländische Staatsbürger allerdings nicht in der Wehrmacht, sondern in der Waffen-SS. Dies wurde von der Volksgruppenführung durchaus gefördert, zumal man gegenüber dem Reich zeigen wollte, dass man seinen Beitrag zum deutschen "Schicksalskampf" zu leisten bereit war.

Einerseits hoffte man darauf, dass es nach einem gewonnenen Krieg doch noch zur Verschiebung der Grenze nach Norden kommen würde. Zum anderen wollte man möglichen Plänen von NS-Strategen entgegen wirken, dass die deutschen Nordschleswiger wie andere deutsche Minderheiten im Machtbereich "befreundeter" Staaten vor die Wahl gestellt werden könnten, sich zwischen Assimilierung an die dortige Staatsnation oder Umsiedlung in vom Deutschen Reich eroberte und einverleibte Gebiete entscheiden zu müssen. Møller lehnte solche Ideen strikt ab, während sowohl Südtiroler und Gottscheer als auch Schwarzmeer-, Wolhynien- und vor allem Baltendeutsche unter der euphemistischen Formel "Heim ins Reich" ihre Heimat verlassen und sich in bisher polnischen Gebieten ansiedeln mussten.

 

Eskalation und Kapitulation

Zahlreiche jüngere Männer meldeten sich für den Kriegsdienst in der Waffen-SS oder halfen als ”Zeitfreiwillige” den Besatzungstruppen. Doch Dänemark behielt nicht nur seine territoriale Integrität, sondern auch seine demokratischen Strukturen – 1943 gab es sogar eine Folketingswahl, bei welcher die demokratischen Parteien überwiegend bestätigt wurden. Bis 1943 arbeitete die dänische Regierung weitgehend mit der Besatzungsmacht zusammen, um Schlimmeres zu verhindern. Doch nach einem für sie unerfüllbaren deutschen Ultimatum, mit welchem harte Maßnahmen (bis hin zur Einführung der längst abgeschafften Todesstrafe) gegen Unruhen und Widerstand im Land gefordert wurden, trat die Regierung unter Erik Scavenius zurück. Fortan waren die Staatssekretäre (Departementchefs) Ansprechpartner der Besatzungsmacht. Der Widerstand gegen die Besatzer wurde stärker und organisierte sich immer besser. Abgesehen von Sabotageaktionen und Anschlägen gegen politische Gegner kam es jedoch zu keinen direkten Kampfhandlungen. Dies galt auch für Nordschleswig.

Innerhalb der deutschen Volksgruppe geriet man immer mehr in einen Loyalitätskonflikt, je mehr sich die deutsche Niederlage abzeichnete. Die meisten deutschen Nordschleswiger hatten sich angesichts der scheinbaren Erfolge Hitlers mit dem Nationalsozialismus arrangiert. Dies sollte das Verhältnis zwischen der deutschen Volksgruppe zu Dänemark und den Dänen bis weit über die Nachkriegszeit hinaus schwer belasten.

Von den Frontsoldaten kehrten viele nicht mehr zurück. Andere wurden verwundet oder gerieten in teils lange Gefangenschaft. Einige machten sich schwerer Kriegsverbrechen schuldig und wurden dafür nach dem Krieg verurteilt. Andere wandten sich von der deutschen Minderheit ab. Offener deutscher Widerstand in Nordschleswig ist nicht bekannt, doch formulierten einige NS-kritische deutsche Haderslebener 1943 eine Loyalitätserklärung gegenüber Dänemark, welche bei der Neuaufstellung der deutschen Minderheit ab 1945 eine wichtige Rolle spielen sollte. Der gebürtige deutsche Nordschleswiger Jens Jessen spielte eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung des Attentats auf Hitler am 20.7.1944.

Spätestens mit der sowjetischen Januaroffensive 1945 wurde die baldige Niederlage des Deutschen Reichs absehbar. Der Großteil der deutschen Bevölkerung aus den östlichen Teilen des Reichs floh vor den sowjetischen Truppen. Tausende Menschen, vor allem aus Ostpreußen und Hinterpommern,  kamen bei ihrer Flucht über die Ostsee in Dänemark an. Viele wurden in Nordschleswig privat wie in Einrichtungen wie Schulen untergebracht.

Deutsche Flüchtlinge in Nordschleswig Foto: Deutsches Museum Nordschleswig

Als Berlin bereits erobert war, Hitler sich durch Suizid aus der Verantwortung gezogen hatte und britische Truppen tief in Schleswig-Holstein standen, wurde von der nach Flensburg-Mürwik ausgewichenen geschäftsführenden Reichsregierung für die Nacht vom 4. auf den 5. Mai 1945 die Kapitulation im Norden verkündet. Dänemark blieb von Kampfhandlungen verschont. Die deutschen Soldaten verließen das Land oft zu Fuß und wurden an der Grenze - die meisten bei Krusau - von den Briten entwaffnet. In Dänemark übernahen Vertreter der Widerstandsbewegung zunächst einen Teil der Staatsgewalt. Die Zivilbehörden und eine neu aufgestellte Allparteienregierung sicherten schnell die Aufrechterhaltung des demokratisch strukturierten Rechtsstaats.

Fakten

Geschichtliche Einordnung

  • 1.9.1939 Kriegsausbruch in Europa durch deutschen Überfall auf Polen; Krieg entwickelt sich schnell zum gesamteuropäischen Krieg

  • 9.4.1940 Besetzung des neutralen Dänemark durch die deutsche Wehrmacht

  • 22.8.1941 Verbot der Kommunistischen Partei nach Folketingsbeschluss auf deutschen Druck; Kommunisten leisteten vom Untergrund aus zunehmend Widerstand, viele waren bereits Ende Juni nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion verhaftet worden
  • .1943 Folketingswahl, aus welcher die demokratischen Parteien der "Sammlungsregierung" gestärkt hervorgehen
  • 29.8.1943 Rücktritt der dänischen Regierung nach deutschem Ultimatum, mit welchem zahlreiche brutale Eingriffe gegen die zunehmenden Streiks, Unruhen und Widerstandaktionen ermöglicht werden sollten
  • 2.10.1943 die Deportation dänischer Juden in deutsche Konzentrationslager wird in den allermeisten Fällen verhindert, da die meisten von ihnen nach Schweden verbracht werden
  • 19.9.1944 Auflösung des dänischen Polizeiapparats und Deportation von über 2000 Polizisten in deutsche Konzentrationslager
  • 5.5.1945 Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Norden und somit auch in Dänemark

Info

Zum Weiterlesen:

Becker-Christensen, Henrik: Fra "mod hinanden" til "med hinanden", in: Schultz Hansen, Hans u.a. (Red.): Sønderjyllands historie indtil 1815. Apenrade: Historisk Samfund for Sønderjylland 2008, S. 335-354.

Flott, Søren: Der Mann, der Hitler töten wollte. Jens Peter Jessen - ein vergessener Verschwörer. Husum 2012.

Kühl, Jørgen: Nationale mindretal i det dansk-tyske grænseland 1933-1945. En forskningsoversigt, in: Bohn, Robert u.a. (Red.): Nationale mindretal i det dansk-tyske grænseland 1933-1945. Apenrade & Schleswig 2001, S. 59-101.

Lammers, Karl Christian: Den danske modstandsbevægelse og det tyske mindretal i Sønderjylland, in: Bohn, Robert u.a. (Red.): Nationale mindretal i det dansk-tyske grænseland 1933-1945. Apenrade & Schleswig 2001, S. 169-180.

Lessow, Arthur: ...... SHAN 70, 1995, S. 108-135.

Nielsen, Leif Hansen: Tyske flygtninge i Nordslesvig 1945-1948. Hist. Samf. f. Sønderjylland. Apenrade 2013.

Noack, Johan Peter: Det tyske mindretal i Nordslesvig under besættelsen. Munksgaard 1975.

Schultz Hansen, Hans & Skov-Kristensen, Henrik: Sønderjylland under krig og besættelse 1940-1945. Hist. Samf. f. Sønderjylland. Apenrade 2003

Skov-Kristensen, Henrik: Gerningsmænd eller ofre. Odense 2019.

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Foto: BDN